Santiago Matamoros und die Reconquista
Vom muslimischen Einfall bis zur Eroberung Granadas
Die Geschichte der muslimischen Eroberung der Iberischen Halbinsel und der späteren christlichen Rückeroberung erstreckt sich über fast acht Jahrhunderte. In der traditionellen spanisch-christlichen Erinnerung wurde diese Epoche als ein langer Abwehr- und Befreiungskampf verstanden, in dem der Apostel Jakobus, auf Spanisch Santiago, als himmlischer Beschützer der christlichen Kämpfer galt. Die historische Wirklichkeit war jedoch vielschichtiger: Auf der Halbinsel existierten nacheinander und nebeneinander verschiedene muslimische und christliche Herrschaften, die gegeneinander Krieg führten, aber auch Bündnisse schlossen, Handel trieben und kulturell aufeinander einwirkten. Der Begriff „Reconquista“ bezeichnet daher keinen durchgehend geführten Krieg und keinen von Anfang an bestehenden gemeinsamen spanischen Plan. Er fasst vielmehr zahlreiche Eroberungen, Grenzkämpfe und politische Entwicklungen zusammen, die erst im Rückblick als ein zusammenhängender Prozess gedeutet wurden.


Der Einfall von 711 und der Zusammenbruch des Westgotenreichs
Vor dem Jahr 711 wurde der größte Teil der Iberischen Halbinsel vom christlichen Westgotenreich beherrscht. Dieses Reich befand sich in einer politischen Krise. Nach dem Tod König Wittizas war ein Streit um die Thronfolge ausgebrochen, und Teile des Adels erkannten den neuen König Roderich nicht an. Diese innere Spaltung schwächte die Fähigkeit des Reiches, einen Angriff von außen geschlossen abzuwehren.
Im Frühjahr 711 setzte ein muslimisches Heer aus Nordafrika über die Straße von Gibraltar. Es stand unter dem Kommando von Tariq ibn Ziyad und bestand überwiegend aus Berbern sowie aus arabischen Truppen. Der Name Gibraltar geht auf die arabische Bezeichnung „Jabal Tariq“, den Berg des Tariq, zurück. Die Angreifer gehörten zum Machtbereich des Umayyadenkalifats, dessen Truppen zuvor weite Teile Nordafrikas erobert hatten. Ihr Feldzug auf der Iberischen Halbinsel war somit Teil der damaligen Expansion der islamischen Herrschaft.
König Roderich stellte sich den Eindringlingen im Sommer 711 entgegen. In der gewöhnlich als Schlacht am Guadalete bezeichneten Auseinandersetzung wurde das westgotische Heer vernichtend geschlagen; Roderich kam vermutlich ums Leben. Mit dem König verlor das Reich auch einen großen Teil seiner militärischen und politischen Führung. Tariqs Truppen konnten anschließend rasch nach Norden vorstoßen und unter anderem Toledo, die Hauptstadt des Westgotenreichs, einnehmen. Im Jahr 712 folgte Musa ibn Nusayr, der arabische Statthalter Nordafrikas, mit einem weiteren Heer. Innerhalb weniger Jahre gelangten fast die gesamte Halbinsel und damit große Teile des heutigen Spaniens und Portugals unter muslimische Herrschaft.
Die Eroberung erfolgte nicht überall auf dieselbe Weise. Manche Städte und Grundbesitzer leisteten Widerstand, andere ergaben sich und schlossen Verträge mit den neuen Machthabern. Solche Vereinbarungen konnten den christlichen Einwohnern den Besitz, die Ausübung ihrer Religion und eine gewisse lokale Selbstverwaltung sichern, verpflichteten sie aber zur Anerkennung der muslimischen Herrschaft und zur Zahlung besonderer Abgaben. Das eroberte Gebiet wurde als al-Andalus bezeichnet und zunächst von Statthaltern regiert, die dem Umayyadenkalifat unterstanden.
Christlicher Widerstand im Norden
Nicht die gesamte Iberische Halbinsel konnte dauerhaft unterworfen werden. In den schwer zugänglichen Gebirgsregionen des Nordens behaupteten sich kleinere christliche Gruppen. Eine besondere symbolische Bedeutung erhielt der asturische Adelige Pelayo. Er soll um 718 oder 722 bei Covadonga einen muslimischen Verband besiegt haben. Über Größe und Ablauf des Kampfes berichten die späteren christlichen und muslimischen Quellen unterschiedlich. Wahrscheinlich handelte es sich militärisch zunächst um ein begrenztes Gefecht. In der christlichen Erinnerung wurde Covadonga jedoch zum Ausgangspunkt des organisierten Widerstands und damit zum traditionellen Beginn der Reconquista.
Aus Pelayos Herrschaft entwickelte sich das Königreich Asturien, das später sein politisches Zentrum nach León verlagerte. Auch in den Pyrenäen und im Nordosten entstanden beziehungsweise festigten sich christliche Herrschaften, darunter Navarra, Aragón und die katalanischen Grafschaften. Die Franken errichteten südlich der Pyrenäen eine Grenzzone gegen al-Andalus; Barcelona gelangte 801 unter fränkische Kontrolle. Diese nördlichen Gebiete bildeten die politischen Ausgangspunkte der späteren Expansion nach Süden.
Während der folgenden Jahrhunderte war die Lage keineswegs eindeutig zugunsten der Christen. Al-Andalus entwickelte sich unter dem Emirat und später dem Kalifat von Córdoba zu einer starken und kulturell bedeutenden Macht. Besonders im 10. Jahrhundert konnten die Herrscher von Córdoba die christlichen Königreiche militärisch unter Druck setzen. Der Feldherr al-Mansur führte zahlreiche Feldzüge in den Norden und ließ 997 sogar Santiago de Compostela plündern. Die christlichen Reiche verteidigten ihre Gebiete, waren zugleich aber untereinander zerstritten. Es kam ebenso zu Bündnissen über Religionsgrenzen hinweg: Christliche Fürsten verbündeten sich mit muslimischen Herrschern gegen christliche Rivalen, während muslimische Machthaber christliche Unterstützung gegen andere muslimische Dynastien suchten.
Der Aufstieg Santiagos zum Schutzheiligen
In diese Zeit fällt der Aufstieg des Jakobusheiligtums in Galicien. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts wurde dort ein Grab entdeckt, das man für die Ruhestätte des Apostels Jakobus des Älteren hielt. Um das Heiligtum entstand Santiago de Compostela, das sich zu einem der wichtigsten Pilgerziele des mittelalterlichen Europas entwickelte. Der Jakobsweg verband die christlichen Reiche der Iberischen Halbinsel enger mit Frankreich und dem übrigen Europa. Zugleich wurde der Apostel immer stärker als Beschützer der Christen im Kampf gegen die muslimischen Machthaber verstanden.
Die berühmteste Erzählung dieser Tradition ist die angebliche Erscheinung Santiagos in der Schlacht von Clavijo im Jahr 844. Der Legende zufolge erschien Jakobus als Ritter auf einem weißen Pferd, griff mit gezogenem Schwert in den Kampf ein und verhalf dem christlichen Heer zum Sieg über die Mauren. Für die tatsächliche Schlacht und das wunderbare Eingreifen des Apostels gibt es jedoch keine zeitgenössischen Belege. Die Erzählung ist erst Jahrhunderte später greifbar und wurde besonders seit dem 12. Jahrhundert verbreitet. Historisch belegt ist somit nicht eine militärische Erscheinung des Heiligen, sondern die enorme Wirkung der Legende. Aus dem Apostel und Pilgerheiligen wurde der kämpfende „Santiago Matamoros“, der in der christlichen Vorstellungswelt den Verteidigern Mut, Zusammenhalt und göttlichen Beistand verlieh.
Vom Kalifat zu den Taifa-Reichen
Ein entscheidender politischer Wandel trat zu Beginn des 11. Jahrhunderts ein. Nach inneren Machtkämpfen zerfiel das Kalifat von Córdoba und wurde 1031 endgültig aufgelöst. An seine Stelle traten zahlreiche kleinere muslimische Fürstentümer, die sogenannten Taifa-Reiche. Diese waren kulturell häufig wohlhabend, militärisch jedoch schwächer und untereinander verfeindet. Mehrere von ihnen zahlten Tribute, die als „parias“ bezeichnet wurden, an christliche Könige, um Angriffe abzuwenden oder Unterstützung gegen Rivalen zu erhalten.
Die christlichen Herrschaften nutzten diese Zersplitterung. Kastilien und León drangen weiter nach Süden vor, Aragón erweiterte sein Gebiet im Osten und Portugal entwickelte sich schrittweise zu einem eigenständigen Königreich. Einen Wendepunkt markierte die Einnahme Toledos durch Alfons VI. von León und Kastilien im Jahr 1085. Die alte westgotische Hauptstadt lag im Zentrum der Halbinsel und besaß eine große strategische und symbolische Bedeutung. Ihr Verlust zeigte, dass nun auch bedeutende Zentren von al-Andalus dauerhaft an christliche Herrscher fallen konnten.
Die bedrängten Taifa-Fürsten riefen daraufhin die Almoraviden aus Nordafrika zu Hilfe. Diese besiegten Alfons VI. 1086 bei Zallaqa beziehungsweise Sagrajas und brachten anschließend große Teile von al-Andalus unter ihre eigene Herrschaft. Der christliche Vormarsch wurde dadurch gebremst, aber nicht beendet. Aragón eroberte 1118 Saragossa. Portugal nahm 1147 mit Unterstützung nordeuropäischer Kreuzfahrer Lissabon ein. Gleichzeitig erhielt der Krieg immer stärker eine religiöse Deutung. Päpste gewährten Teilnehmern iberischer Feldzüge ähnliche geistliche Privilegien wie Kreuzfahrern im Heiligen Land, und Ritterorden übernahmen die Verteidigung sowie Besiedlung eroberter Grenzgebiete.
Almohaden, Las Navas de Tolosa und der Durchbruch nach Süden
Im 12. Jahrhundert wurden die Almoraviden von den ebenfalls aus Nordafrika stammenden Almohaden abgelöst. Diese errichteten erneut eine starke muslimische Herrschaft in Südspanien. 1195 fügten sie König Alfons VIII. von Kastilien bei Alarcos eine schwere Niederlage zu. Die christlichen Königreiche blieben jedoch bestehen und bereiteten einen neuen Feldzug vor.
Im Jahr 1212 vereinigten sich Heere aus Kastilien, Aragón und Navarra gegen den Almohadenkalifen Muhammad an-Nasir. In der Schlacht bei Las Navas de Tolosa errang die christliche Koalition einen entscheidenden Sieg. Die Almohaden verloren damit einen wesentlichen Teil ihrer militärischen Macht auf der Halbinsel. Der Sieg führte nicht sofort zur vollständigen Eroberung des Südens, veränderte aber dauerhaft das Kräfteverhältnis.
In den folgenden Jahrzehnten fielen die großen Städte des muslimischen Südens in rascher Folge. Ferdinand III. von Kastilien und León eroberte 1236 Córdoba und 1248 Sevilla. Jakob I. von Aragón nahm 1238 Valencia ein. Portugal schloss mit der Eroberung der Algarve bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts seine territoriale Expansion auf der Halbinsel im Wesentlichen ab. Muslimische Bewohner wurden dabei nicht überall sofort vertrieben. Viele blieben zunächst als sogenannte Mudéjares unter christlicher Herrschaft, behielten ihre Religion und Gemeinden, waren jedoch rechtlich und politisch den neuen Machthabern untergeordnet.

Das Emirat Granada und das Ende der Reconquista
Nach den großen Eroberungen des 13. Jahrhunderts blieb im Süden nur das von der Nasriden-Dynastie regierte Emirat Granada als muslimischer Staat bestehen. Es umfasste vor allem die Gebiete um Granada, Málaga und Almería. Seine Herrscher erkannten zeitweise die Oberhoheit Kastiliens an und zahlten Tribute, konnten sich aber aufgrund der gebirgigen Landschaft, einer leistungsfähigen Wirtschaft, diplomatischer Geschicklichkeit und gelegentlicher Unterstützung aus Nordafrika mehr als zwei Jahrhunderte behaupten. Die Alhambra zeugt bis heute von der kulturellen Blüte dieses Reiches.
Im 15. Jahrhundert stärkten Kastilien und Aragón ihre politische Verbindung. Die Ehe Isabellas von Kastilien mit Ferdinand von Aragón schuf zwar noch keinen vollständig einheitlichen spanischen Staat, bündelte aber die Macht der beiden bedeutendsten christlichen Kronen. 1482 begann der planmäßig geführte Krieg gegen Granada. Die christlichen Truppen nahmen Festungen und Städte schrittweise ein und schnitten das Emirat zunehmend von Versorgung und Unterstützung ab. Innere Konflikte innerhalb der nasridischen Herrscherfamilie schwächten den Widerstand zusätzlich.
Nach zehn Jahren Krieg kapitulierte Muhammad XII., im christlichen Europa als Boabdil bekannt. Am 2. Januar 1492 wurde Granada an Isabella und Ferdinand übergeben. Damit endete die muslimische Staatlichkeit auf der Iberischen Halbinsel. In der traditionellen Geschichtsschreibung gilt dieses Ereignis als Abschluss der Reconquista.
Die Kapitulationsbedingungen versprachen den Muslimen Granadas zunächst Schutz ihrer Religion, ihres Eigentums und ihrer Bräuche. Diese Zusagen wurden in den folgenden Jahren zunehmend eingeschränkt. Ebenfalls 1492 ordneten Isabella und Ferdinand die Ausweisung der Juden aus ihren Herrschaftsgebieten an, sofern diese nicht zum Christentum übertraten. Die Eroberung Granadas beendete daher nicht nur eine lange Epoche militärischer Auseinandersetzungen, sondern leitete auch eine Politik stärkerer religiöser Vereinheitlichung ein.
Santiago als Symbol von Verteidigung und Sieg
Innerhalb der christlichen Erinnerung verband die Gestalt Santiagos die verschiedenen Phasen dieser Geschichte miteinander. Er galt zunächst als Beschützer der bedrängten christlichen Gemeinschaften und später als himmlischer Begleiter der nach Süden vordringenden Königreiche. Banner, Schlachtrufe und Darstellungen des Apostels auf einem weißen Pferd verliehen den Kämpfen eine religiöse Bedeutung. Der Ruf „¡Santiago y cierra, España!“ brachte die Vorstellung zum Ausdruck, dass Jakobus selbst den christlichen Kämpfern zur Seite stehe.
Historisch muss jedoch zwischen Glaubensüberlieferung und nachweisbaren Ereignissen unterschieden werden. Die muslimische Eroberung ab 711, der Zusammenbruch des Westgotenreichs, der Widerstand der nördlichen christlichen Herrschaften und die schrittweise Rückeroberung bis 1492 sind historische Vorgänge. Die Erscheinung Santiagos in einer konkreten Schlacht gehört dagegen in den Bereich der Legende. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie den christlichen Verteidigern und Eroberern ein gemeinsames religiöses Symbol gab. So wurde Jakobus vom Apostel und Pilgerheiligen zum kämpfenden Schutzpatron Spaniens und schließlich zu einer der einflussreichsten Gestalten der spanischen Geschichtserinnerung.
Quellen und weiterführende Literatur
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The Metropolitan Museum of Art: . https://www.metmuseum.org/met-publications/al-andalus-the-art-of-islamic-spain
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UNESCO World Heritage Centre: . https://whc.unesco.org/en/list/669/
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UNESCO Memory of the World: . https://www.unesco.org/en/memory-world/codex-calixtinus-santiago-de-compostela-cathedral-and-other-medieval-copies-liber-sancti-jacobi
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Cambridge University Press: , in: The Cambridge History of War. https://www.cambridge.org/core/books/cambridge-history-of-war/reconquest-and-the-spanish-monarchies/EE5F6B2E4C3496EA294ED94031C53755
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Cambridge University Press: , in: An Economic History of the Iberian Peninsula, 700–2000. https://www.cambridge.org/core/books/an-economic-history-of-the-iberian-peninsula-7002000/making-of-iberia-7001500/3F57C51A70B0CED3252CF4D2C64CEB57
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Cambridge University Press: Brian A. Catlos, , Abschnitt „Static diasporas“. https://www.cambridge.org/core/books/muslims-of-medieval-latin-christendom-c10501614/static-diasporas/61D3FCC291728DC4B937E7C25F9468CA
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EBSCO Research Starters: . https://www.ebsco.com/research-starters/military-history-and-science/battle-las-navas-de-tolosa


